Exklusiv - Xherdan Shaqiri «Ich will nach wie vor wie ein kleiner Bub spielen»
Mit der Heimkehr von Xherdan Shaqiri (33) ist der FC Basel in der Schweiz an die Spitze zurückgekehrt, darf nach schwierigen Jahren gar vom Double träumen. Im Interview spricht der geniale Fussballer unter anderem über die bisherige Saison, den Umgang mit den Erwartungen und den Traum, mit seinem Klub in die Champions League zurückzukehren.
Der FCB liegt in der Tabelle auf Platz 2, Xherdan Shaqiri ist mit 10 Toren und 13 Assists der Topskorer der Liga. Da muss auch bei Ihnen extrem viel Freude herrschen – und auch Stolz!
Xherdan Shaqiri: Ich bin mit meinen persönlichen Leistungen in dieser Saison zufrieden, aber die Statistiken sind für mich im Moment nicht das Allerwichtigste – sondern der Erfolg mit dem und für den FC Basel. Entsprechend ordne ich alles unter, dass wir am Ende der Saison hoffentlich ganz oben stehen.
Als Sie auf diese Saison hin nach Jahren in der Fremde nach Basel zurückkehrten: Hätten Sie es sich vorstellen können, dass es so gut läuft?
Das ist der Fussball, so schreibt er seine Geschichten. Ich bin sehr froh, wieder zurück zu sein, dass es mit dem FC Basel geklappt hat. Der Klub und die Mitspieler haben mich vom ersten Tag an mit offenen Armen aufgenommen. Man sieht auch auf dem Platz, dass ich wieder mit sehr viel Freude spiele. Für mich ist am wichtigsten, wieder daheim zu sein, mit einem guten Selbstvertrauen und Gefühl in ein Spiel zu gehen. Wir wissen, wo der FC Basel herkommt, dass er in den letzten Jahren nicht so erfolgreich war. Meine grösste Aufgabe und mein Ansporn war und ist es nun, dass der FCB wieder erfolgreich ist. Ich probiere, dies mit guten Leistungen zu schaffen, was bislang nicht schlecht gelungen ist. Wir sind auf gutem Weg, wieder erfolgreich zu sein.
Es fällt auch auf, wieviel Spass Sie ausstrahlen. Ist es so, dass Sie den Fussball nochmals neu geniessen können?
Ganz klar. Ich gehe in jedes Spiel, um Freude zu haben – nebst den taktischen Anweisungen, die der Trainer uns gibt natürlich. Mit ist diese Freude eminent wichtig, und wenn ich sie habe, gelingen mir auch Dinge, die nicht alltäglich sind. Man sieht in den Spielen immer wieder, dass ich zu vielem fähig bin, wenn ich einen guten Tag habe und mit Freude spiele.
Sie gehen voran, kämpfen, treiben Ihre Kollegen an, brennen förmlich und zeigen Ihren Ehrgeiz. Ist es ein Zeichen, wie wohl Sie sich fühlen?
So ist es – und es war auch für den Klub wichtig, dass ich die Winnermentalität in die Mannschaft bringe, dass wir mit Selbstbewusstsein auf den Platz gehen und zeigen: Wir sind der FC Basel, wir sagen, wo es auf dem Feld langgeht. Das muss wieder kommen. In den letzten Jahren hat es wohl etwas gefehlt, dass Leute vorangingen und die Jungen mitziehen. Doch nun sind wir auf gutem Weg.
Ist es auch ein Zeichen, wie fit Sie sind?
Sicher, und das ist ein guter Punkt. Am Anfang der Saison hat man gesehen, dass ich nicht viele Spiele in den Beinen hatte und nicht bei 100 Prozent war. Mit Trainings und dem Integrieren ins Team und indem ich verstand, wie sie spielen und sie, wie ich spiele, was sehr wichtig ist, klappte es immer besser und platzte der Knoten. Wir erreichten positive Resultate, haben uns im oberen Bereich der Tabelle gefestigt und wollen bis am Ende da bleiben. Wir wissen, dass dies schwierig wird, und ich bin auch ein Typ, der gerne am Boden bleibt und Schritt für Schritt geht. Aber: Der FC Basel soll und muss in naher Zukunft um Titel spielen, das ist klar.
Ihre Rückkehr sorgte für grosse Erwartungen, konnten Sie das so locker wegstecken, wie es den Anschein machte?
Ich bin mit viel Selbstvertrauen nach Basel gekommen und wusste, dass ich einiges bewegen kann. Es herrschte schnell eine Euphorie, die auch für einen gewissen Druck auf den Schultern sorgt. Das ist aber völlig normal, und ich konnte damit sehr gut umgehen. Ich gehe gerne voran, nehme den Druck auf mich und stehe vorne hin, auch wenn es nicht so gut läuft. Ich halte sehr gerne den Druck von den Jungen fern, und mit solchen Erwartungen müssen wir in Zukunft wohl besser und vermehrt umgehen, um unter Druck auch Höchstleistungen zu bringen.
Sie sind so produktiv wie nie zuvor in Ihrer beeindruckenden Karriere. Sehen wir den besten Xherdan Shaqiri aller Zeiten?
Das ist einfach zu sagen, wenn man nur die Statistik anschaut. Aber ich bin da etwas anderer Meinung. Es ist wie schon gesagt sehr gut gelaufen, doch ich sage nicht: Das ist der beste Xherdan aller Zeiten. Ich habe in mehreren Ländern gespielt, hatte überall gute und weniger gute Zeiten, machte bessere und schlechtere Spiele. Deshalb will ich auch nicht anhand von Statistiken ein solches Urteil fällen. Aber klar, ich habe in der Mannschaft, im Verein und bei den Fans einiges bewegt, kann dafür sorgen, dass ein Ruck durch die Mannschaft geht. Ich zwinge sie so quasi zu guten Leistungen – und da wollen wir hin, dass der Klub wieder auf höchstem europäischen Niveau spielen kann. Dass die Fans mit Freude ins Stadion kommen und wissen, dass guter Fussball und um Titel gespielt wird, was auch für die Region und die Fans wichtig ist.
In Ihrem Palmarès stehen unter anderem zwei Champion League-Siege und diverse namhafte Arbeitgeber. Worauf in Ihrer Karriere sind Sie besonders stolz?
Ich bin auf jeden meiner gemachten Schritte und auf das, was ich erreicht habe, stolz. Es ist normal, dass nicht alles perfekt ist im Leben, doch ich würde alles wieder gleich machen. Wenn ich vor meiner Karriere gewusst hätte, dass ich für diese Klubs spiele, hätte ich das sofort unterschrieben. Diese Jahre haben mich auch als Mensch geprägt, ich habe mich sportlich und menschlich weiterentwickelt, verschiedene Kulturen kennengelernt. Und ich konnte mich mit den besten Spielern der Welt messen, mit ihnen spielen. Das macht mich heute auch als Spieler aus.
Was ist am heutigen Xherdan Shaqiri im Unterschied zu jenem, der 2012 zu den Bayern wechselte, am meisten anders? Ist es die Erfahrung, das Wissen, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten? Unbekümmert sind Sie auf dem Platz nach wie vor, die Genialität und Schlitzohrigkeit sind ebenfalls immer noch vorhanden.
Es spielen viele Komponenten mit, dass man auf dem Platz erfolgreich ist. Wenn ich auf den Platz gehe, will ich nach wie vor wie ein kleiner Bub spielen. Guten Fussball zeigen, aber auch der Mannschaft mit Toren oder Assists helfen. Und ich gehe wie vor zehn Jahren mit Freude in die Spiele. Dazu kommt heute die Erfahrung, dass ich in vielen Situationen weiss, was ich machen muss. Der gute Mix aus Erfahrung und Unbekümmertheit auf dem Platz sorgt in meinen Augen dafür, dass ich auf dem Platz erfolgreich sein kann
Wieviele Sonderschichten legen Sie heute noch für Ihren magischen linken Fuss ein?
(lacht) Das ist mit sovielen Spielen unter der Woche schwierig. Spass beiseite, solche Situationen kann man nicht immer trainieren, da ist auch viel Instinkt nötig. Ich habe immer betont, dass viel Instinkt dabei ist, wenn ich Fussball spiele. Und Risiko. Es können auch mal acht von zehn Bällen ins Leere gehen, doch zwei kommen an, und es fällt ein Tor. Ich spiele gerne mit diesem Risiko und versuche, auf dem Feld alles herauszukratzen, auch das gewisse Etwas, das es ab und zu braucht, um ein Tor zu schiessen, Spiele zu gewinnen. Ich versuche so natürlich in jedem Spiel, die gegnerische Verteidigung auseinanderzunehmen.
Spüren Sie auch Respekt der Gegenspieler?
Ja, sehr! Am Ende des Tages wollen sie auch gut spielen und mich stoppen. Schlussendlich geht es aber ums Gewinnen und dann ist der Respekt nicht immer so ausgeprägt vorhanden – was ich aber auch verstehe.
Sie gehen beim FCB als Captain voran. Ist es eine Rolle, die Sie gerne annehmen?
Ganz klar, ich bin stolz, Captain des FC Basel zu sein, gehe auch gerne mit gutem Beispiel voran, habe das Selbstvertrauen und will dieses der Mannschaft weitergeben. Und auch mal etwas sagen, wenn etwas nicht gut ist. Ich denke, das kommt im Team gut rüber. Denn am Ende des Tages wollen wir erfolgreich sein, und da ist es wichtig, solche Führungsspieler zu haben. Von diesen haben wir ein paar: mich, Marwin Hitz, Dominik Schmid, Taulant Xhaka, Albian Ajeti – es sind alles wichtige Spieler, und wir müssen das gemeinsam in die Hand nehmen und nicht nur ein Spieler. Wie gesagt, ich bin wirklich stolz, die Mannschaft aufs Feld führen und Spiele mitentscheiden zu können, hier beim FC Basel, wo jeweils auch wenn meine Eltern und Kollegen im Stadion sind.
Nächste Woche treffen in der Champions League mit Bayern und Inter zwei Ihrer Ex-Klubs aufeinander. Wem drücken Sie die Daumen?
Diese Frage wurde mir schon mehrmals, und ich antworte immer: Der Bessere soll gewinnen. Bei Bayern war ich etwas länger als bei Inter, nichtsdestotrotz hatte ich auch in Mailand eine schöne Zeit und lernte viele Leute kennen. Am 8. April werde ich wohl als Gast im TV-Studio sein und das Rückspiel würde ich gerne im Stadion verfolgen, wenn dies möglich ist. Denn ich bin beiden Klubs verbunden und freue mich sehr auf dieses Duell.
Die Champions League war lange Ihre Bühne. Träumen Sie von der Rückkehr?
Das ist mein grosser Traum, mein Ziel! Mit dem FC Basel in diesem wunderschönen Stadion wieder in der Champions League gegen grosse Klubs anzutreten!
Bei Ihrer Präsentation in Basel haben Sie von Titeln gesprochen. Damals schien das weit weg, nun könnte es schnell gehen. Schneller als gedacht?
Im Fussball passieren Dinge, die man nicht berechnen kann. Es kann noch viel passieren, wir haben es in unseren Händen, stehen auch im Cup-Halbfinal. Es liegt viel drin. Wie erwähnt, bleibe ich gerne auf dem Boden, doch für mich war klar, dass ich nicht nach Basel komme, um gegen den Abstieg zu spielen, sondern um Titel zu gewinnen. Um den FCB dorthin zu führen, wo er hingehört. Er muss Titel gewinnen, den Cup, in Europa spielen – das ist der FCB, den wir kennen und da will ich ihn wieder hinführen. Das habe ich von Anfang an gesagt und dazu stehe ich auch heute noch.
Es braucht wieder diese rauschenden, legendären Parties auf dem Barfi…
Es ist das Ziel der Fans und des Klubs, wieder etwas zu feiern zu haben. Ich spüre, dass die ganze Stadt mitziehen will. Es ist länger her, dass der FCB etwas gewonnen hat, nun können wir das kaum erwarten. Wir sind nahe dran, aber es braucht noch harte Arbeit. Ich bleibe wie erwähnt auf dem Boden, aber: Wir haben mehrere Chancen.
Dieses Fussballfieber in Basel ist schon anders als in den USA, wo es aber sicher auch diverse Annehmlicheiten gab, oder?
Wir wissen, dass der amerikanische Fussball langsam, langsam kommt. Aber wie heissblütig unsere Fans in Basel sind, wie sie uns unterstützen, daheim und auswärts mit Choreos glänzen, ist einmalig in der Schweiz. Deshalb haben sie wieder einmal eine Feier verdient, einen Pokal, den sie in die Höhe stemmen können.
Man kann also sagen: Die Rückkehr war der richtige Entscheid, Sie würden es wieder gleich machen?
Definitiv! Ich bin sehr froh wieder hier zu sein, geniesse es, zehn Minuten von daheim entfernt mit Freude zu trainieren. Am Ende des Tages wollen wir alle Erfolg haben und ordnen alles unter, damit der FCB wieder ganz oben steht, wo er auch hingehört. Und dafür arbeiten wir jeden Tag hart.
Es gab auch Leute die Ihre Rückkehr skeptisch betrachtet haben, fragten, wozu Sie noch fähig sind. Ist es cool, den Kritikern so das Maul zu stopfen?
Mir war immer wichtig, meine Antwort auf dem Fussballplatz zu geben. Und ich denke, dass diese Kritiker nun ruhiger wurden. Es gibt immer Kritiker, so ist das Leben. Gerade im Fussball gibt es viele Experten, die ihren Senf dazugeben und dafür bezahlt werden. Auf der einen Seite verstehe ich das, auf der anderen Seite sollte man mit schneller Kritik manchmal auch vorsichtig sein. Doch das gehört dazu und damit kann ich auch umgehen. Ich will mich auf meine Leistung konzentrieren und in erster Linie dem FC Basel und nicht allen anderen eine Antwort geben. Oder wie man gerne sagt: Die Wahrheit liegt auf dem Platz. Die Leistung zählt, und so will ich die Jungen mitziehen.