Stergiou will mit dem VfB Stuttgart in den Cupfinal
Leonidas Stergiou ist ein Fussballer, der über den Tellerrand hinausschaut und Schritt für Schritt nimmt. Am Mittwochabend steht er mit dem VfB Stuttgart im Cup-Halbfinal gegen RB Leipzig.
Als Leonidas Stergiou am 6. Februar 2019 mit St. Gallen im Heimspiel gegen den FC Zürich sein Debüt in der Super League gab, war er erst 16 Jahre alt. Einzig Raphael Wicky erreichte in einem jüngeren Alter die Marke von 100 Partien in der höchsten Schweizer Liga. Es war jedoch nicht so, dass der schnelle und zweikampfstarke Ostschweizer Verteidiger schon früh von einer Profikarriere träumte, vielmehr galt sein Fokus stets dem nächsten Schritt.
Als Stergiou den Sprung in die erste Mannschaft von St. Gallen schaffte, befand er sich noch in der Ausbildung zum Kaufmann an der United School of Sport. Diese zu beenden, stand für ihn ausser Frage, das hat auch mit seiner Erziehung zu tun. Er ist der Sohn einer serbischen Mutter und eines griechischen Vaters, ist christlich aufgewachsen. Bodenständigkeit ist in der Familie grossgeschrieben.
Als seinen wichtigsten Wert bezeichnet Stergiou Aufrichtigkeit. "Man soll aussprechen dürfen, was man denkt, andere Meinungen sollen akzeptiert werden", sagt er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Wichtig sei auch, Nein sagen zu dürfen. "Gegenseitiges Verständnis führt zu einem bessern Miteinander in der Gesellschaft. Letztendlich sind wir alle gleich."
Die Aussagen passen zu Stergiou, der sehr weltoffen ist, sich für vieles interessiert und dementsprechend belesen ist. Er überlässt nichts dem Zufall, weshalb er auf eigene Kosten einen Performance Coach engagiert hat, mit dem er Woche für Woche an Themen wie Regeneration oder Ernährung arbeitet, um körperlich in einem optimalen Zustand zu sein. Ihm ist bewusst, dass Details den Unterschied ausmachen. "Ich bin ein Mensch, der nicht nur im Fussball, sondern auch in der Persönlichkeitsentwicklung, jeden Tag versucht, das Maximum herauszuholen und sich weiterzuentwickeln."
Dennoch kämpfte Stergiou zu Beginn der Saison mit einer schleichend aufgekommenen Rückenverletzung. Eine Bogenwurzel entzündete sich, er benötigte viel Geduld, konnte erst im November wieder spielen. Das war umso ärgerlicher, als er sich am Ende der vorangegangenen Spielzeit in die Stuttgarter Mannschaft gekämpft hatte und auch an der EM für die Schweiz auflief.
Stergiou wechselte im August 2023 zunächst auf Leihbasis von St. Gallen zum VfB. Dort musste er vorerst hinten anstehen. In den ersten 28 Bundesliga-Runden in der vergangenen Saison stand er bloss einmal in der Startelf, neunmal wurde er eingewechselt. Als sich dann am 6. April 2024 Rechtsverteidiger Josha Vagnoman am Fuss verletzte, nutzte er die Chance.
Wie schwierig war für ihn die Anfangszeit bei Stuttgart, in der er kaum zum Einsatz kam? "Klar war es nicht einfach, ich bin jedoch ein Realist. Ich kam in eine Mannschaft, die funktionierte. In der Anfangsphase ging es für mich darum, mich zu akklimatisieren, so gut wie möglich zu versuchen, mich an das höhere Niveau anzupassen. Ich wollte dem Trainer und mir beweisen, dass ich das kann."
So frustrierend dann die Rückenverletzung war, Stergiou haderte nicht. Er akzeptiert die Situation rasch, "weil ich wusste, dass es nichts bringt, lange daran herum zu studieren. Was ich ändern wollte, war die Dauer der Verletzung. Ich zog jede mögliche Massnahme in Erwägung, um so rasch wie möglich zurückzukehren. Das ist das, was ich beeinflussen konnte." Überhaupt sei er ein geduldiger Mensch.
Bisher kam Stergiou in dieser Saison wettbewerbsübergreifend achtmal von Beginn an für den Bundesligisten zum Zug. In der Meisterschaft fehlte er zuletzt zweimal wegen eine Rotsperre, wobei er ohnehin angeschlagen war, sodass er das Aufgebot für das Schweizer Nationalteam nicht wahrnehmen konnte. Nun ist er wieder fit.
Unabhängig davon ob Stergiou am Mittwochabend im Cup-Halbfinal gegen RB Leipzig aufgestellt wird: Dass er die Verantwortlichen von Stuttgart überzeugt hat, unterstreicht der Vertrag bis 2028. "Für mich gibt es keinen besseren Ort in Deutschland", sagt Stergiou, der es sehr schätzt, mit Fabian Rieder und Luca Jaquez zwei Schweizer Teamkollegen zu haben. Stergio wohnt etwa 30 Minuten ausserhalb von Stuttgart, 15 Minuten vom Trainingsgelände entfernt. "Ich bin kein Stadtmensch, mag es, meine Ruhe zu haben. Es ist dort grün, ich habe Weinberge um mich herum, es gibt schöne Spazierwege. Das hilft dem allgemeinen Wohlbefinden", sagt Stergiou.
Gibt es für ihn eine Traumdestination ausserhalb von Deutschland? "Ich handhabe es wie als kleiner Bub, mache mir keine grossen Gedanken darüber. Klar gibt es Topvereine, zu denen man als Fussballer vielleicht irgendwann mal wechseln möchte. Aber ich konzentriere mich jetzt nur darauf, beim VfB bestmögliche Leistung zu bringen."
Wo sieht er fussballerisch noch das grösste Steigerungspotenzial? "Ich muss sicher in der Offensive noch stärker werden." Bislang traf er in seiner Profikarriere erst zweimal, einmal für Stuttgart. Das Tor in der Bundesliga gelang ihm ausgerechnet gegen Bayern München. "Das war unglaublich für mich und ist eine schöne Erinnerung", blickt Stergiou zurück.
Die nächste schöne Erinnerung soll der Einzug in den Final im DFB-Pokal sein. Zuletzt stand der VfB 2013 im Endspiel, damals setzte es gegen Bayern München eine 2:3-Niederlage ab. Der letzte Triumph im Cup liegt 28 Jahre zurück, der letzte Meistertitel 18 Jahre. Stergiou spürt die Euphorie bei den Fans vor dem Halbfinal, umso mehr, als es in der Meisterschaft mit Rang 11 nicht wunschgemäss läuft, Stuttgart in den letzten sechs Partien bloss zwei Punkte geholt hat. "Es ist für uns eine Chance, die wir unbedingt nutzen wollen", so Stergiou. Es wäre für ihn ein weiterer Meilenstein nach dem 6. Februar 2019.