Steigt der EHC Visp auf? Zwei Meinungen
Am 11. Februar fiel der Startschuss. Sieben Wochen und drei gewonnene Playoff-Serien später startet der EHC Visp heute ziemlich überraschend in der Ligaqualifikation gegen den HC Ajoie. Zum Aufstieg in die National League fehlen vier Siege – machbar? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind sich nicht einig.
Andy Maschek sagt: Ja
Die Ausgangslage vor der Ligaqualifikation ist klar: Ajoie ist der Favorit, der EHC Visp als Meister der Sky Swiss League hat im Kampf um den letzten Platz in der National League eigentlich keine Chance. So weit die Theorie, die auch durch die Statistik gestützt wird. In den letzten zehn Liga-Qualifikationen konnte sich der Unterklassige nur dreimal durchsetzen. Allerdings hatten Lausanne, die SCL Tigers und die Rapperswil-Jona Lakers bei ihren Triumphen auch den Aufstieg als Ziel, verfügten über starke Kader.
Der EHC Visp dagegen ist in den letzten Jahren genügsam geworden. Spielte in der Swiss League mit, ohne zu glänzen. Der Aufstieg schien weit weg. Auch unter Startrainer Heinz Ehlers, der im Sommer 2023 im Wallis übernahm, hiess die Realität: Mittelmass. Seit in dieser Saison klar wurde, dass der Däne Visp verlassen wird, erfolgte der Umschwung. Visp überzeugte mit einer stabilen Defensive, kam immer besser in Schwung, arbeitete sich bis in die Ligaqualifikation vor.
Und da haben die Walliser keinen Druck. Der Gewinn des Meistertitels in der Sky Swiss League war ein Höhepunkt und kam unerwartet. Das Momentum liegt nun in der Lonza Arena. Visp kann gegen Ajoie nur gewinnen, die Jurassier haben viel zu verlieren, kämpfen ums sportliche Überleben und haben die Enttäuschung des verlorenen Playouts gegen Lugano im Genick. Ganz klar, Ajoie ist verunsichert.
Im Wallis ist die Mannschaft in den letzten Wochen dagegen zu einer Einheit zusammengewachsen. Zudem steht mit Heinz Ehlers ein Fuchs an der Bande, der 2008 in der Liga-Qualifikation mit Biel gegen Basel in vier Spielen gewann und die Seeländer in die Beletage unseres Hockeys führte. Auf der Position des Coaches verfügen die Walliser gegenüber Ajoie mit Greg Ireland über einen Vorteil. Bei den Torhütern schätze ich den in den Playoffs überragenden Robin Meyer stärker ein als das Ajoie-Duo Benjamin Conz/Damiano Ciaccio.
Einzig die Tatsache, dass in der Liga-Qualifikation vier Imports eingesetzt werden dürfen, spricht für Ajoie, das schon in der National League über sechs starke Ausländer verfügt hatte, während in der Swiss League nur zwei Imports aufs Matchblatt durften und die Klubs sich entsprechend weniger breit aufstellten. Doch genau das könnte auch jetzt zum Vorteil von Visp werden: Jacob Nilsson, Adam Brodecki und der zurücktretende Garry Nunn sind gesetzt, bei Ajoie werden pro Spiel zwei der eigentlich arrivierten Imports zuschauen müssen – was Zündstoff beinhaltet. Umso wichtiger ist es für Visp, einen guten Start in die Serie zu erwischen, den Gegner erstmals zu verunsichern.
Eigentlich hat der EHC Visp in dieser Liga-Qualifikation wie eingangs erwähnt keine Chance. Doch genau diese Ausgangslage, dass die National League durch Regelungen so viele Schranken aufgebaut hat, dass der Aufstieg fast nicht möglich ist, ist wiederum eine Chance. Oder wie Visp-CEO Sébastien Pico sagt: «Genau das ist der Reiz, das Unmögliche möglich zu machen.»
Patrick Y. Fischer sagt: Nein
Eines vorweg: Ich finde es toll, dass der EHC Visp mit seinem Sturmlauf durch die Playoffs der Sky Swiss League dafür gesorgt hat, dass das Schweizer Eishockey wieder einmal in den Genuss einer Ligaqualifikation kommt. Zuletzt gewährten uns die Hockey-Götter dieses Vergnügen nämlich nur noch sporadisch. Letzter erfolgreicher Underdog waren 2018 die Rapperswil-Jona Lakers, die sich in der alles entscheiden Overtime von Spiel 7 gegen den EHC Kloten durchsetzen. Auch die Lakers hatten die Serie damals als Aussenseiter in Angriff genommen und schafften die Überraschung in Extremis.
Doch leider ist die aktuelle Ausgabe des EHC Visp nicht wirklich mit den damaligen SCRJ Lakers zu vergleichen. Die St. Galler gewannen damals alles, was es zu gewinnen gab, beendeten die Regular Season auf Rang 1, holten sich den Cupsieg und triumphierten schliesslich auch in den SL-Playoffs. Der Aufstieg, so glücklich er am Ende auch zustande kam, war verdient und hatte sich über Monate hinweg abgezeichnet.
Das ist beim EHC Visp nicht der Fall, aber natürlich auch nicht Bedingung für eine etwaige Promotion. Und trotzdem sagt es etwas über Qualität der Oberwalliser Equipe aus, die über weite Strecken der Saison nicht dazu in der Lage war, die Konkurrenz zu dominieren. Mit Visp hat die nicht beste Swiss-League-Mannschaft den Sprung in die Ligaquali geschafft, sondern die formstärkste. Aufbauend auf dem in den Playoffs überzeugenden Keeper Robin Meyer (Fangquote von 95,23%) und einer starken Defensive (1,50 Gegentore/Spiel), jedoch ohne herausragende offensive Efforts oder Imports.
Den beiden Schweden Brodecki und Nilsson sowie dem zuletzt oft überzähligen Kanadier Nunn dürfte denn auch in der Ligaqualifikation keine absolute Schlüsselrolle zukommen, worin ich einen der Hauptgründe für das wahrscheinliche Scheitern der Visper sehe. Heinz Ehlers wird seine Männer defensiv zwar erneut top ausrichten, aber sich nur auf Keeper Meyer (in der NL in zwei Saisons knapp 90% Fangquote), ein starkes Powerplay (27,91% in den Playoffs) und hohe Effizienz (9,92% gegenüber 7,93% in der Regular Season) zu verlassen, dürfte nur im Ausnahmefall das Rezept zum Upset sein. Dazu haben die Jurassier auch ohne überragende Schweizer Skorer und ohne zwei ihrer Top-Imports zu viel Firepower.
Kommt hinzu, dass den Ajoulots zwar die bittere Playout-Schlappe gegen Lugano in den Knochen steckt, sie im Hinterkopf aber seit Monaten ganz genau wussten, dass dieses Szenario eintreffen könnte. Eine Art Schockstarre würde deshalb überraschen, was den Oberwallisern sicher auch nicht in die Hände spielt. Am Schluss müsste sich deshalb der bessere, breitere und erfahrenere Kader der Jurassier durchsetzen. Gegen ein wenig Drama oder gar eine Überraschung hätten aber wohl die wenigsten Beobachter etwas einzuwenden.