Dennoch hat der 53 Jahre alte Deutsch-Kroate schon Prozesse angestossen, die in der Mannschaft wirken und ihm den Ruf des Anti-Sahins geben. Für Sky Sport hat sich der BVB-Coach ausführlich Zeit genommen. Ein Gespräch über Bierzapfen mit Fans, den Ruf des harten Hundes, einen vielerorts geforderten Radikal-Umbruch, seine Zukunft und eine These von Hans-Joachim Watzke.
Sky: Niko Kovac, können Sie eigentlich gut Bierzapfen?
Niko Kovac: Das würde ich nicht behaupten, aber ich habe schon mal zugeschaut, wie das geht und jetzt bei der Fan-Veranstaltung vor zwei Tagen ist mir das, glaube ich, ganz gut gelungen (lacht). Die Fans waren jedenfalls zufrieden.
Sky: Das sah auch ganz gut aus. Wir haben die Bilder gesehen auf dem offiziellen Empfang der Fanclubs. War das eine Art Schulterschluss mit den Fans? Ein Einschwören auf den Endspurt?
Niko Kovac: Ich glaube, es ist kein Schulterschluss. Den gibt es hier schon seit Ewigkeiten. Die Fans sind ein sehr wichtiger Bestandteil dieses Klubs, dieser Mannschaft und auch die Mannschaft ein wichtiger Bestandteil dieses Klubs. Deswegen war das gut. Das hätte, glaube ich, schon etwas vorher stattfinden müssen. Nur gab es dann lauter Verschiebungen und jetzt wurde aus einem Weihnachtsempfang ein Frühjahrsempfang. Es war schön, es war eine schöne Stimmung und ich glaube, jeder Einzelne konnte sich auch ein Bild von den Spielern und dem Trainerteam machen. Das ist wichtig.
Sky: Sie kennen sich mit grossen Traditionsvereinen aus, trainierten unter anderem Eintracht Frankfurt und Bayern München. Wie gross ist die Wucht von Borussia Dortmund?
Niko Kovac: Man spürt vom ersten Tag an, dass das wirklich ein Riesenklub ist, mit grosser Strahlkraft, mit einem riesigen Fanpotenzial und sie sagten ja selbst, ich habe schon einige Bundesligisten trainiert, Top-Klubs, aber es ist hier schon auch Wahnsinn, was hier abgeht. Ich bin richtig happy, dass wir hier gut aufgenommen worden sind, denn das ist wichtig, um dann auch letzten Endes alles geben zu können.
Sky: Sie gehen mit einer grossen Positivität an die schwere Aufgabe ran. Seit über 60 Tagen sind Sie nun im Amt beim BVB. Wie ist der Gesamteindruck?
Niko Kovac: Die Situation, die wir vorgefunden haben, war natürlich nicht die Situation, die der Klub gerne hätte. Wir haben uns jetzt auch nicht allzu gross von der Tabellenplatz-Situation verbessert. Die Spieler waren schon sehr verunsichert. Die Erwartungshaltung ist sehr gross, aber die Leistung dementsprechend nicht so. Wir haben jetzt versucht, in der Kürze der Zeit das alles ein bisschen aufzuarbeiten. Wir sind auch noch nicht konstant, die Stabilität ist auch noch nicht da. Aber ich sehe schon in einigen Bereichen Fortschritte. Das, was uns wirklich abgeht, sind die Punkte. Wir hätten schon gerne ein paar Punkte mehr, vielleicht auch ein bisschen mehr Punkte verdient von der Spielkonstellation, aber es ist leider nicht so. Der Eindruck ist aber trotzdem positiv. Wir spüren, dass hier eine Menge möglich ist und eine Menge möglich sein kann. Deswegen sind wir wirklich sehr glücklich, dass wir hier sind."
Sky: Sie werden schon als "Anti-Sahin" bezeichnet. Was machen Sie anders als Ihr Vorgänger Nuri Sahin? Mehr Pragmatismus statt Prozess?
Niko Kovac: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich nicht weiss, wie Nuri gearbeitet hat. Jeder ist ein Unikat, jeder macht das, was er für richtig hält und ich weiss auch, dass Nuri, Edin, egal wer hier war, immer das Beste gegeben haben. Genauso werde ich das auch tun. Ich habe meine Vorstellung vom Fussball. Wir sind jetzt in der Situation, dass wir Punkte holen müssen, wir sind in der Situation, dass wir noch das Maximum aus den sieben Spielen, die noch zur Verfügung stehen, herausholen. Wir sind ein Klub, der intensiv spielen möchte, aggressiv, mit Emotionen, mit Leidenschaft, mit Laufbereitschaft, aber auch natürlich mit fussballerischer Qualität und ich glaube, dass wir da auch wieder hin müssen.
"Bei 'harter Hund' muss ich immer sehr schmunzeln"
Sky: Ihnen eilt der Ruf des harten Hundes voraus.
Niko Kovac: Wissen Sie, bei 'harter Hund' muss ich immer sehr schmunzeln. Wie jeder Trainer, wie jeder Chef einer Firma, einer Abteilung, hat man eine gewisse Erwartungshaltung an seine Mitarbeiter und ich auch an meine Spieler. Das heisst, wir reden von Grundtugenden: Von Disziplin, von Ordnung, von Leistungsbereitschaft, von Einsatzbereitschaft, von Fokus, von Konzentration. Und ich glaube, das kann man nicht gleichsetzen mit 'harter Hund'. Das ist eine ganz normale Erwartungshaltung. Die Jungs wissen von mir, was ich erwarte, weil ich glaube, dass Fussball schon auch ein sehr wichtiger Bestandteil von uns allen ist, deswegen muss man alles geben. Spass gehört dazu, das ist ganz klar, aber wenn die Arbeit ruft, dann muss man den Fokus auf 100 Prozent drehen. Wir geben alles als Trainerteam, wir sind früh hier und gehen spät nach Hause und deswegen erwarte ich auch von meinen Spielern, dass sie dann genauso agieren, denn von viel kommt sicherlich sehr viel mehr als von wenig.
Sky: An welchen Stellschrauben drehen Sie mit Ihrem Bruder Robert, dass der BVB wieder in die Spur kommt?
Niko Kovac: Wichtig ist natürlich Positivität. Wir müssen den Spielern schon auch zeigen, dass sie gut sind und sie haben ja die Qualität. Das haben sie auch schon bewiesen. Wir müssten das natürlich über einen längeren Zeitraum beweisen. Und dann braucht es: Wiederholungen. Natürlich muss man auch gewisse Sachen, die man sieht, einfordern. Es ist nicht einfach, jetzt in zwei Monaten alles zu verändern, denn Spieler haben ja auch Gewohnheiten. Manche Mechanismen müssen vielleicht ein bisschen ausradiert werden. Das bedarf auch seiner Zeit. Man kann nicht alles auf Knopfdruck verändern.
Sky: Das Fitness-Thema ist ein grosses in Dortmund. Matthias Sammer sagte schon vor Wochen, dass die Mannschaft körperlich und geistig in einer Nicht-Verfassung sei. Während einer Saison ist es schwierig, eine Grundfitness aufzubauen. Wie gehen Sie an die Sache ran?
Niko Kovac: Man muss einen Ausgangswert haben, damit man weiss, wo man steht. Wenn Sie wissen wollen, ob Sie Defizite haben an Vitaminen, dann gehen Sie zum Arzt und lassen sich Blut abnehmen. So ist es ja bei uns auch. Wir müssen den Ist-Zustand haben. Ich habe schon meine Überlegungen, welchen Fitnessstand jemand haben muss. Unser Fussball soll intensiv und aggressiv sein, mit einer hohen Laufbereitschaft. Das kann ich in all den Klubs, in denen ich war, schwarz auf weiss nachweisen. Das heisst, wir haben die Schwierigkeit, dass wir jetzt in der Saison einiges aufarbeiten müssen, einiges. Aber es ist nicht so, dass die Mannschaft überhaupt nichts konnte. Das ist nicht der Fall. Aber wie gesagt, ich habe einen anderen Anspruch und ich möchte da schon sehr weit oben sein.
Sky: Einer, der sich immer wieder aufreibt und viele Kilometer frisst, ist Julian Brandt. Dennoch spielt er eine unglückliche Saison.
Niko Kovac: Jeder Einzelne sieht nur dann gut aus, wenn das Gesamtgebilde gut ist. Und wenn das Gesamtgebilde nicht funktioniert, dann kann kein Einziger performen. Bei Julian ist es so, ich weiss, was er kann. Er ist ein wichtiger Bestandteil und wenn ich jetzt nur das letzte Spiel gegen Mainz nehme, diesen Pass, den er beim 1:0 spielt, der ist schon gut. Das sehen nicht viele und deswegen braucht es ein wenig Selbstvertrauen, braucht es ein wenig bessere Ergebnisse. Auch die Leistung der Mitspieler muss gehoben werden, dann werden wir alle besser."
Sky: Sie arbeiten in einem Verein, in dem viele Leute mitreden. Watzke, Sammer, Ricken, Kehl, zuletzt auch Mislintat. Von Streitereien und Unstimmigkeiten ist immer wieder die Rede. Erschwert das Ihre Arbeit?
Niko Kovac: All das, was vorher erzählt wurde, kann ich überhaupt nicht bestätigen. Ich finde die Zusammenarbeit sehr gut und konstruktiv, offen, natürlich auch kritisch. Wir tauschen uns täglich aus, mit Sebastian, auch mit Lars, der für mich ein sehr wichtiger Ansprechpartner ist, auch mit Aki telefoniere ich regelmässig, um Ideen und Meinungen auszutauschen. Mit Matthias habe ich das auch schon getan. Ich kann da nur Positives berichten. Das sind auch die Protagonisten, die diesen Klub auch mit dorthin gebracht haben, wo er jetzt auch ist. Wir wissen alle, wo der BVB hergekommen ist. Das ist auch ein Verdienst von Aki.
Sky: Mit Matthias Sammer verbindet Sie ein Kunststück, das nicht viele schafften: Beide wurden Meister als Spieler und als Trainer. Wie ist Ihr Verhältnis?
Niko Kovac: Die ersten Berührungspunkte, die Matthias und ich hatten: Wir waren zur gleichen Zeit 1997 verletzt und wir waren im selben Reha-Zentrum in Donaustauf. Er mit einer Knieverletzung, ich mit meiner Sprunggelenksverletzung, da haben wir uns kennen und schätzen gelernt. Wenn wir über Fussball reden, glaube ich schon, dass wir irgendwo einen ziemlich gleichen Nenner haben. Er war ein Mittelfeldspieler, ich war ein Mittelfeldspieler, also die Ansätze, wie wir denken, sind schon ziemlich ähnlich und das hilft, wenn man einen Austausch hat mit jemandem, der dort auch Erfahrungen hat als Spieler, als Trainer, aber auch als Sportdirektor, und es macht mit ihm richtig Spass und das sind nicht nur Gespräche über fünf Minuten, sondern die gehen schon länger.
"Das war ein Commitment von beiden Seiten"
Sky: Ihr Vertrag läuft bis 2026. Dennoch wird über Ihre Zukunft spekuliert. Gibt es Bedingungen, die auch daran gekoppelt sind, wie es für Sie persönlich weitergeht?
Niko Kovac: Es ist klar, ich habe einen Vertrag über eineinhalb Jahre unterschrieben. Kein halbes Jahr, keine Zweieinhalb, das war ein Commitment von beiden Seiten. Die Aufgabe, die wir alle zusammen haben, ist ganz klar, wir wollen erfolgreich sein. Wir wollen zusehen, dass wir so schnell wie möglich wieder dorthin kommen, wo wir hingehören, wo wir auch sein müssen. Das bedarf natürlich auch ein bisschen Zeit, das habe ich mir vielleicht auch ein bisschen 'leichter vorgestellt', aber nichtsdestotrotz glaube ich schon, dass wir alle gemeinsam fleissig in eine Richtung arbeiten. Aber man kann nicht alles von jetzt auf sofort verändern.
Sky: Die Chance auf die Champions League hat ein Supercomputer mit drei Prozent berechnet. Ist die Europa League jetzt das neu ausgerufene Ziel des BVB?
Niko Kovac: Nein, das oberste Ziel sieht so aus, dass wir das nächste Spiel gegen Freiburg gewinnen wollen.
Sky: Typische Trainer-Antwort. Blicken wir auf den Sommer voraus. Ein Umbruch ist für viele Experten dringend nötig. Sehen Sie das auch so?
Niko Kovac: Die Aufgaben, die wir jetzt erstmal haben, sind, die nächsten Bundesligaspiele zu gewinnen beziehungsweise erfolgreich zu sein und dann im Prozess sich gewisse Sachen zu überlegen beziehungsweise nachzudenken. Aber das ist jetzt nicht in erster Linie meine Aufgabe, sondern von Lars Ricken und auch von Sebastian Kehl, dort Vorschläge zu machen. Natürlich tauscht man sich aus, aber der Fokus, den ich jetzt habe, den lege ich jetzt auf die Mannschaft, denn ich möchte mit diesen Spielern noch das erreichen, was wir uns alle irgendwo erträumen beziehungsweise worüber wir nachdenken. Deswegen brauche ich alle Energie, die ich habe, um mich darauf zu fokussieren.
Sky: Herr Kovac, Ihr Nachname heisst aus dem kroatischen übersetzt Schmied. Gefällt Ihnen das?
Niko Kovac: Ich glaube, das passt richtig gut. Schmied oder Hufschmied, das ist die Übersetzung von Kovac. Das ist mein Leben. Das ist letzten Endes auch so, wie wir sozialisiert worden sind beziehungsweise wie wir erzogen worden sind. Mit guter, harter, ehrlicher Arbeit kann man es schaffen. Und ich glaube das, was wir erreichen durften, mein Bruder und ich, ist schon immens aus Berlin-Wedding irgendwo über die Bundesliga zur Nationalmannschaft zu kommen und jetzt auch Trainer in der Bundesliga zu sein. Das zeigt, so etwas fällt einem nicht in den Schoss, sondern das ist harte Arbeit, tagtäglich, von früh bis spät und niemals aufgeben, immer weiter. Das sind wir.
Sky: Als Sohn von Gastarbeitern - Ihr Vater war Zimmermann, Ihre Mutter Putzkraft - wuchsen Sie im Arbeiterviertel Wedding auf. Turiner Strasse 8. Nach der Schule ging es auf den Bolzplatz. Wie sehr hat Sie Ihre Kindheit geprägt?
Niko Kovac: Die Kindheit prägt einen immens, das wissen wahrscheinlich viele gar nicht, was so eine Kindheit bei uns allen hinterlässt. Meine Eltern kamen damals 1970 nach Deutschland, ich wurde 1971 geboren. Das bedeutet, man musste natürlich schnell Fuss fassen, man musste sich dementsprechend integrieren in das ganze Gebilde, was uns richtig gut gelungen ist. Das war in Anführungsstrichen relativ einfach. Es hat richtig Spass gemacht und ich habe eine richtig schöne Kindheit genossen und ich würde jedem gerne solch eine Kindheit wünschen. Wir waren unbeschwert, wir waren frei, wir haben all das machen können, was schön ist. Das hat mich geprägt und das lebe ich heute noch. Ich glaube, bis ich den letzten Atemzug habe, werde ich weiterhin so leben.
Sky: Hans-Joachim Watzke hat zuletzt zähneknirschend zugegeben, dass Bayer Leverkusen den BVB als zweite Kraft in Deutschland hinter den Bayern abgelöst hat. Stimmen Sie ihm zu?
Niko Kovac: Wer widerspricht dem Boss? Das darf keiner (lacht). Nein, ich bin absolut d'accord mit ihm. Denn Stand jetzt ist es so. Leverkusen war letztes Jahr Doublesieger, dieses Jahr sind sie auch in der Meisterschaft auf Platz zwei. Wir sind es nicht, aber wenn man jetzt die längere Vergangenheit sich anschaut, dann denke ich schon, dass wir das sind. Aber im Moment ist es so. Aber wir sind im Fussball, es geht alles schnell und das kann sich ziemlich schnell auch wieder ändern und da wollen wir hin.
Das Interview führte Patrick Berger.