Tudors Rettungsmission – Bringt er Juve zurück in die Champions League?
Sky Sport beleuchtet die Persönlichkeit des ehemaligen Spielers und heutigen Cheftrainers der Alten Dame – mit Einschätzungen von Experten des italienischen Fussballs.
Ein lockerer Spruch über Khéphren Thuram bei seiner ersten Pressekonferenz als Juve-Coach, ein verdienter Sieg im heimischen Juventus Stadium gegen Genua, dazu das Tor des neuen Fanlieblings der Curva – trotz der Muskelverletzung von Federico Gatti (voraussichtlich ein Monat Pause) hätte Igor Tudor sich keinen besseren Einstand wünschen können.
Zehn Monate war er nach seinem Abschied von Lazio aus dem Rampenlicht verschwunden. Der frühere kroatische Nationalspieler hat lange mit dem Image des kompromisslosen Feuerwehrmanns gelebt – ein Trainer, dessen Methoden schnell anecken, wie Mathieu Grégoire von der französischen Zeitung L’Équipe bestätigt. Er hat Tudors Zeit in Marseille genau verfolgt: „Es lief von Anfang an schwierig. Er übernahm eine Mannschaft mit gefestigten Strukturen, die Vizemeister geworden war. Tudor wollte sofort alles ändern, setzte auf direkten Fussball statt Ballbesitzspiel – das führte dazu, dass Leistungsträger wie Gerson, Guendouzi, Ünder oder Payet aussen vor waren. Die Stimmung kippte schnell, Gerson wollte sogar das Trainingslager abbrechen. Die Fans pfiffen beim ersten Spiel gegen Reims. Und trotzdem: So innovative Ansätze wie bei Tudor hatte man im Vélodrome seit Bielsa kaum gesehen.“
Ein erfrischendes Konzept, das auf Direktspiel und viele Eins-gegen-eins-Situationen setzte – bis alles kippte. Grégoire erklärt: „Er war unglücklich, lebte am Trainingszentrum, fernab seiner Familie. Dann kam die Nachricht über eine schwere Erkrankung in seiner Familie – das war der Knackpunkt. Er griff mit seinen Assistenten regelmässig zur Flasche – ein Zeichen dafür, wie sehr ihn die Situation belastete. Er spürte, dass Sportdirektor Ribalta und Präsident Longoria – beides Typen, die schnell das Interesse verlieren – bereits an die Zeit nach ihm dachten. Und so liess er die Saison schleifen. Sein grösstes Manko: ein harter Führungsstil, fast schon polarbärenhaft – grob, direkt.“
Mit Tudor ist es immer radikal: Man liebt ihn oder man hält ihn kaum aus. Juventus kennt seine Neigung zum Konflikt – aber auch seine Zuverlässigkeit. Während Thiago Motta beim Kapitänsamt ständig rotierte, entschied Tudor kurzerhand: Manuel Locatelli trägt jetzt die Binde. Klare Ansagen, keine Diskussionen – so verschafft er sich Respekt. Und vielleicht spielt Tudor bei Juve gerade die Rolle seines Lebens: Er war Meister und Supercup-Sieger als Spieler, jetzt soll er den Verein zurück in die Königsklasse führen.
Schafft er das? Valentin Tullio, italienischer Fussball-Experte und Host des Podcasts Calcio e Pepe, meint: „Tudor war genau der Feuerwehrmann, den Juve gebraucht hat. Man sah ja, dass es mit Thiago Motta in die falsche Richtung ging – die Mannschaft hat seine Ideen nie wirklich umgesetzt. Tudors Stil passt besser zur aktuellen Situation und zum Kader.“
Der Klub brauchte einen Ruck – und wer könnte den besser auslösen als ein Rückkehrer mit Juve-DNA? „Für acht Spiele kann sein Modell absolut funktionieren. Dazu kommt: Juve hat nur drei echte Härtetests vor sich – darunter das entscheidende Duell im Olimpico gegen die Roma, das zum Schlüsselspiel wird.“
Mit einer Dreierkette in der Defensive, Nico González als Aktivposten auf der rechten Seite und Kenan Yıldız als spielgestaltendem Faktor hat Tudor seine Handschrift bereits hinterlassen. Doch Gattis Ausfall bringt das neue Gefüge ins Wanken. Möglicherweise muss Tudor auf das altbekannte Viererketten-Modell zurückgreifen.
Ein riskanter Drahtseilakt – aber einer, den Juve eingehen muss, wenn die Rückkehr in die Champions League gelingen soll.