Bringt Zsolt den Jolt? RB Leipzig setzt mit Löw alles auf eine Karte
Das 0:1 in Glabach war sein letzter Auftritt. Nach insgesamt sieben Auswärtsspielen ohne Sieg und dem Rückfall auf den sechsten Tabellenrang wurde RB-Trainer Marco Rose am Sonntag seines Amtes enthoben. Nachfolger wird bis zum Sommer Zsolt Löw. Eine ebenso überraschende wie riskante Wahl.
Absturz ohne Ansage
Sicher. Nach Dortmund endete am Wochenende auch Marco Roses zweites Engagement bei einem Spitzenklub vorzeitig. Nach zweieinhalbjähriger Tätigkeit (ein Pokalsieg) in seiner Heimstadt, erfüllten der 48-jährige Fussballlehrer und seine Mannschaft die Erwartungen am Ende nur noch sporadisch, weshalb sein Aus einer gewissen Logik folgte. Doch zu behaupten, Rose Entlassung hätte sich seit Längerem abgezeichnet, wäre verfehlt. Schliesslich zeichneten Rose und die aktuelle RB-Ausgabe noch im Herbst für den besten Saisonstart der Vereinsgeschichte (8 Spiele/20 Punkte) verantwortlich, führten gemeinsam mit Bayern die Bundesliga an, ehe das Ende seinen Anfang nahm. Erst mit einen 1:2 in Dortmund, dann mit einer Defensive, die ihre rekordverdächtige Pace (drei Gegentore bis Ende Oktober) nicht mehr länger halten konnte und schliesslich einer Offensive, die im Verlaufe der Saison trotz Xavi, Openda, Sesko & Co nie den Beweis dafür antreten konnte, höheren Ansprüchen zu genügen. Angesichts des nicht mehr enden wollenden Kriechgangs ( 22 Punkte aus den letzten 19 Spielen) zogen die Verantwortlichen nun die Reissleine. In der entscheidenden Saisonphase soll neu Zsolt Löw für frischen Wind sorgen.
Ein gewagtes Experiment
Doch wer ist dieser bald 46-jährige, gebürtige Ungare überhaupt? Nun, in Leipzig übernimmt der ehemalige Nationalspieler der Magyaren zum ersten Mal in seiner Karriere (interimistisch) das Amt des Cheftrainers. Zuvor war Löw während vielen Jahren Assistenztrainer von Thomas Tuchel, begleitete den heute 51-Jährigen u.a. zu PSG, Chelsea und Bayern München. Zuvor assistierte Löw auch Ralf Rangnick in Leipzig, Peter Zeidler in Liefering und einem gewissen Andy Hütter in Salzburg. Nun also soll Löw dem grossen RB-Bruder in Sachsen neues Leben einhauchen und dabei vor allem eine grosse Stärke einbringen: Seine Fähigkeit, auf Spieler einzugehen, ihnen Vertrauen zu schenken und ihnen so auch neuen Mut einzuflössen. Alles andere wäre in den knapp 72 Stunden zwischen seiner Amtseinführung und dem ersten Ernstfall heute Abend auch nicht möglich gewesen. Im DFB-Pokal-Halbfinale beim VfB Stuttgart steht direkt einiges auf dem Spiel – Löw wird also quasi ins kalte Wasser geworfen.
Mit einem Sieg nach Berlin und nach Europa
Allerdings ist die Ausgangslage bei genauerem Hinsehen nicht ganz so heikel, wie es auf den ersten Blick den Anschein macht. Natürlich ist der Gang in die MHP-Arena nie ein Zuckerschlecken, aber neben den Bullen aus Leipzig stecken auch die Schwaben aus Stuttgart in einer veritablen Schaffenskrise. Rang 11 in der Bundesliga nach 27 Spieltagen ist für den amtierenden Vize-Meister eine herbe Enttäuschung, nur zwei Punkte aus den letzten sechs Partien machen die Mannschaft von Sebastian Hoeness gar zur formschwächsten Equipe der Liga. Die Finalchancen von RB sind also intakt, wobei die Aussicht auf die Finalteilnahme beide Klubs in doppeltem Sinn beflügeln müsste. Zum einen, da das Berliner Endspiel jedes Jahr zu den Höhepunkten im DFB-Wettspielkalender gehört. Zum anderen, weil dort mit Drittligist Arminia Bielefeld sensationeller Weise ein Gegner wartet, den man als ambitionierter Bundesligist trotz der jüngsten Upsets gegen Bayer, Bremen, Freiburg und Union einfach schlagen muss. Löws Gleichung zum Einstand ist also eine simple: Stuttgart schlagen und dann mit der Gewissheit einer Endspielteilnahme auch in der Bundesliga noch einmal Gas geben. Rang 4 (Mainz 05) und damit verbunden die CL-Qualifikation sind aktuell durchaus noch machbar. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass Löw bei seiner Feuertaufe direkt an den richtigen Schrauben dreht. Ein Risiko, dass die Leipziger Verantwortlichen offenbar bereit sind einzugehen.